Wissenschaft

Schmerzmessinstrument für Demenzkranke

Ein vom Lehrstuhl für Physiologische Psychologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg entworfener Fragebogen soll Pflegekräften helfen, Schmerzen bei Demenzpatienten besser zu erkennen. Da die Betroffenen häufig durch kognitive Einschränkungen nicht in der Lage sind, diese eigenständig präzise zu benennen, wird dem Pflegepersonal so ein neues Messinstrument an die Hand gegeben, das bei der Beobachtung von Mimik, Körperhaltung und Vokalisation hilft und Rückschlüsse auf eine etwaige Schmerzsymptomatik ziehen lässt.

36 Anzeichen für Schmerz hat der Bamberger Psychologe Stefan Lautenbacher zusammen mit Experten aus 16 verschiedenen Ländern zusammengestellt. Im interdisziplinären Projekt mit dem Namen „Action“ wurden zur Decodierung von Schmerz die nonverbal genutzten Kommunikationswege Demenzkranker untersucht. Mit der Unterstützung durch Pflegekräfte und Angehörige anderer Berufsgruppen wurde herausgestellt, welche Zeichen Außenstehende erkennen können. Hierbei kommt es im pflegerischen Alltag bisher häufig zu Missverständnissen. „Aggression und Agitiertheit, also krankhafte Unruhe, sind häufig nicht bösartig gemeint, sondern ein Hilferuf der Patientinnen und Patienten bei Schmerzen“, meint Lautenbacher. Aber „eine Pflegekraft, die beispielsweise regelmäßig weggestoßen wird, lässt vom Patienten ab, Entzündung und Schmerz bleiben somit unentdeckt und unbehandelt.“

Durch das einfach anzuwendende und europaweit anerkannte Messinstrument sollen diese Missverständnisse ausgeräumt werden. So können verschiedene Gesichtsausdrücke ein Hinweis auf Schmerzen sein, aber auch ein unruhiges hin-und-her-wandern. Ein Anzeichen, das im Toolkit aufgeführt wird, ist beispielsweise eine hochgezogene Oberlippe. Wird dieses Zeichen von der beobachtenden Pflegekraft als stark bewertet, so kann dies ein Hinweis auf starke Schmerzen sein. Jedoch sollte dabei beachtet werden, dass die unterschiedlichen Patienten auch über eine unterschiedlich ausgeprägte Mimik verfügen. Zusätzlich haben die Studien ergeben, dass Frauen mimisch differenziertere Botschaften abgeben können als Männer.

In sechs Sprachen wurde das Instrument bereits übersetzt und ab 2016 plant der Psychologe 30-minütige Schulungen für das Pflegepersonal und eine audiovisuelle Aufklärungsarbeit. „Demenzkranke Menschen leiden großes Schmerzunglück“, meint Lautenbacher, der bei mindestens der Hälfte der 1,5 Millionen von Demenz betroffenen Menschen bundesweit eine Schmerzproblematik vermutet. Diese bekommen im Vergleich zu kognitiv gesunden Menschen deutlich weniger Schmerzmittel, beispielsweise nach Hüftoperationen. „Ich möchte einstehen für die, die sprachlos geworden sind und eine Lobby brauchen.“

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