Wissenschaft

Versorgungs- und Beratungsqualität bei Anti-Dekubitus-Liegehilfen lässt zu wünschen übrig

Im Auftrag der AOK Hessen untersuchte das IWAK-Institut der Goethe-Universität Frankfurt im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes die Versorgungsqualität von Antidekubitus-Liegehilfen. Nachdem im November 2011 die AOK Hessen den Bereich der Anti-Dekubitus-Liegehilfen bis Grad 4 ausschrieb, erfolgte die in fünf Lose aufgeteilte Versorgung der hessischen AOK-Versicherten durch drei Ausschreibungsgewinner zum 1. April 2012. Somit konnte das IWAK-Institut auf insgesamt 2 vollständige Jahre an Versorgungsdaten zurückgreifen. Insgesamt wurden im Rahmen der Untersuchung 2.410 Versorgungsfälle analysiert.

Durch die Untersuchung sollten zwei zentrale Fragestellungen geklärt werden: 1. Werden an die Kunden die richtigen Produkte je nach Erkrankungsbild abgegeben? 2. Wie qualitativ hochwertig erfolgt der Versorgungsprozess im Allgemeinen.

Bei der Untersuchung zeigte sich, dass es an einheitlichen Bewertungsmaßstäben zur korrekten Wahl einer Liegehilfe mangele. So ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Produktversorgung trotz gleicher Indikationen von Patienten zwischen den abgebenden Leistungserbringern unterscheidet. So schwanken beispielsweise die durchgeführten Erhebungsgespräche zwischen den einzelnen Leistungserbringern zwischen 3 und 15 Minuten Gesprächsdauer. Auch wurde in 75 % der Fälle die vertraglich geforderte vor Ort Bedarfsermittlung nicht durchgeführt. Laut Autoren würde es somit den beratenden Fachkräften an wichtigen Informationen fehlen, welche die Produktauswahl bedeutend beeinflussen könnten. Auch würde eine Beratung von Patienten und Angehörigen kaum stattfinden, obwohl diese auch Bestandteil der Vertrags ist. Zudem erfolgte eine Einweisung in die Handhabung des Produktes in 34 % der Versorgungsfälle nicht.

Neben Informationen zu Versorgungsqualität enthält die Studie auch interessant Informationen über die Bedeutsamkeit von bestimmten Herstellern und deren Produkte im Bereich der Anti-Dekubitus-Liegehilfen. So zeigte sich, dass bei rund 30 Prozent der Versorgungsfälle mit Wechseldrucksystem versorgt wurden. Wohingegen die überwiegende Mehrheit (70%) mit Schaumstoffmatratzen versorgt wurden. Im Bereich der Wechseldrucksysteme führte die aks-saniflow II von AKS (51 %), gefolgt von der soft air von ADL (22,5 %) und der ASX basic von Novacare (7,7 %). Auf diese drei Produkte entfallen über 80 Prozent der Versorgungen. Im Bereich der Schaumstoffmatratzen führt das Produkt Hyper Foam 2 von Funke mit 59 Prozent aller Versorgungen den Markt an, gefolgt von P101M/Polyplot von Systam (17 %) und aks memoplot von AKS (6 %).

Die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Anti-Dekubitus Liegehilfe lag im Schnitt bei rund 8 Monaten. Bei der Lieferdauer zeigte sich, dass rund 60 Prozent der Patienten nach spätestens 4 Tagen ihr Hilfsmittel erhalten. Das restliche Drittel muss jedoch länger als 4 Tage auf das Hilfsmittel warten. Rund 18 Prozent erhalten ihr Hilfsmittel innerhalb von einem Tag. Damit schaffen es die drei Leistungserbringer in 80 Prozent der Fälle nicht, die vertraglich zugesicherte Versorgung innerhalb von 24 Stunden einzuhalten. Im Durchschnitt vergingen 9 Tage zwischen der Rezeptausstellung des Arztes und dem Erhalt der Liegehilfe.

Nun stellt sich jedoch die Frage wer für dieses desaströse Abschneiden der Leistungserbinger in diesem konkreten Fall verantwortlich ist. Die Politik, die ein solches Dumpingpreissystem unterstützt? Die Kassen, welche den ihnen zur Verfügung gestellten Rahmen gern bis zur Grenze ausreizen? Oder die Fachhändler, welche versuchen, ihre Marge durch Qualitätseinsparungen bei der Beratung und Versorgung zu steigern?

Richtig dürfte jedoch sein, dass alle drei genannten Beteiligten einen Einfluss auf die hier aufgezeigten Ergebnisse haben. In welchen Umfang jedoch wem der schwarze Kater zugeschoben werden kann, ist nicht klar. Alle hier genannten Beteiligten stehen in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Es liegt jedoch am Gesetzgeber die Rahmenbedingungen eindeutig zu definieren, unter welchen Bedingungen eine Versorgung zu erfolgen hat. Dieser muss zudem verstärkt kontrollierten ob die Kassen tatsächlich eine effektive, qualitativ hochwertige und bedarfsgerechte Versorgung sicherstellen, sodass diese den Druck verspüren ihre Vertragspartner zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung anzuhalten – im Notfall auch zu höheren Preisen.

Die vollständige Studie kann hier heruntergelanden werden: Qualität der Versorgung mit Anti-Dekubitus-Liegehilfen

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